Rollstuhlplattform vor den Hauptbühnen. Im Hintergrund die Bühnen und eine Menschenmenge. Im Vordergrund eine junge Frau im Rollstuhl mit Bier in der Hand und ein Begleiter in der Hocke daneben.

W:O:A – Inklusion auf Wacken

Ein Open Air Festival mit 75.000 Besuchern kann inklusiv und mindestens barrierearm sein.

»Wacken« war mir immer schon ein Begriff. Heavy Metal, irgendwo da oben im Norden, Schlammwiesen, Party, Zelten. Irgendwo kam es mir über den Bildschirm: Wacken sei scheinbar auch für Menschen mit einer Behinderung ziemlich gut zu besuchen. Was hat Wacken mit Inklusion und Barrierefreiheit am Hut? Kann ein riesen Heavy Metal Festival irgendwo auf einer Wiese inklusiv und barrierefrei sein? Ich hatte ja so meine Zweifel, ob das nicht nur, wie so oft, schöne Worte sind, um gut dazustehen. Das wollte ich selbst sehen.

Nach drei Tagen Wacken, vielen Gesprächen, Interviews und unzähligen Eindrücken lautet mein Fazit: Ja, Wacken kann Inklusion. Für die Leute vom W:O:A ist Inklusion ein wesentlicher Bestandteil des Festivals, über die Jahre gewachsen und selbstverständlich geworden. Dabei geht es nicht mehr nur darum, dass es eine gut berollbare Rollstuhlplattform vor den Bühnen gibt. Schon beim Herrichten des Festivalgeländes ist Inklusion ein Thema. So leistet die Garten- und Landschaftsbau Truppe der Stiftung Mensch einen Teil der Mäharbeiten und Grünpflege, damit das ganze Gelände und die Campgrounds schön sind. Etwa 40 Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten bei der Stiftung Mensch und sind neben den GaLa-Arbeiten auch während dem Festival im Hintergrund aktiv, etwa bei der Leerung der vielen Mülleimer auf dem Gelände.

Ein Fotograf auf einer der Rollstuhlplattformen vor den Hauptbühnen. Er hat eine Kamera in der Hand und fotografiert. Vor ihm etwas weiter unten die Menschenmasse beim zuschauen. Am oberen Bildrand die Bühne.
Fotograf auf einer der Rollstuhlplattformen vor den Hauptbühnen

„Unser Anliegen ist, dass wir Fans mit Behinderung die Angst nehmen, an einem Festival teilzunehmen“, sagt Drees Ringert, auf Wacken unter anderem zuständig für die Inklusion. Das Gefühl der Sicherheit ist für viele ja oft die halbe Miete, wenn sie irgendwo hin müssen oder wollen. Die Sicherheit, dass es im Zweifel Hilfe und Verständnis gibt, und man bei Problemen nicht alleine dasteht. Und, dass man nicht der ist, der dauernd eine Extrawurst will. Freilich, Wacken sind sonst einfach viele Wiesen, mehr nicht. Es gibt asphaltierte Wege, allerdings ist der überwiegende Teil der Festivalfläche unbefestigt und bei Regen gerne auch mal eine schöne große Matsch-Party. Da ist es dann im Rollstuhl oder mit Rollator schon eine Herausforderung. Ich würde Wacken insgesamt deshalb lieber als barriere-arm bezeichnen, obgleich viele einzelne Elemente auch wirklich barriere-frei sind. Das speilt für mich, und für die überwiegende Mehrzahl der Betroffenen mit denen ich gesprochen habe, aber gar nicht die Hauptrolle. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass auf Wacken unheimlich viel dafür getan wird, dass man mit den verschiedensten Beeinträchtigungen überhaupt teilnehmen kann.

So sehen das auch Mona und Frank vom Sanitätshaus ThiesMediCenter. Direkt auf dem Wheels Of Steel Campground (dem Campground für Menschen mit einer Beeinträchtigung) haben sie zusammen mit Sunrise Medical ihren Stand. „Es ist und bleibt ein Open Air, und da kann man keine komplette Barrierefreiheit erwarten. Aber wir tun alles was möglich ist, um ganz vielen zu helfen hier auf Wacken teilzunehmen zu können“, erzählt mir Mona. Die Zusammenarbeit entstand vor acht Jahren und seitdem wächst das Angebot, die Nachfrage und die Erfahrung stetig. Die Geschäftsleitung vom ThiesMediCenter steht voll hinter dem Engagement auf Wacken, so dass einige der Mitarbeiter wie Mona und Frank keinen Urlaub nehmen müssen. Aber nicht alle vom Team sind Mitarbeiter. „Ohne den ehrenamtlichen Einsatz ganz vieler Helfer, die extra Urlaub nehmen, wäre das alles hier nicht möglich“, erzählt Mona weiter. Was vor acht Jahren mit Frank, ein paar Kumpels und einer Therapeutin begann, besteht heute aus Spezialisten für Prothesen, Elektrorollstühlen, Physiotherapeuten und einem Pflegedienst für die Unterstützung beim Waschen oder beim Toilettengang.

Sunrise Medical stellt für das Festival etwa 50 Rollstühle und 5 Elektrorollstühle zum Leihen bereit, ohne zu wissen, in welchem Zustand sie diese wieder zurück bekommen werden. Immerhin werden sie ja auf einem Heavy Metal Festival eingesetzt. Das ist ein heutzutage auch nicht mehr selbstverständlicher Sponsoringbeitrag. Doch Menschen in Rollstühlen sind gar nicht mehr die hauptsächliche Gruppe, die sich über Unterstützung freut. „Mittlerweile“, so erklären mir Mona und Frank, „haben wir ganz viele Menschen, die auf Medikamente angewiesen sind, die gekühlt werden müssen. Diabetiker zum Beispiel oder Menschen mit einer Stoffwechselerkrankung. Für die bieten wir Kühlschränke an, damit die Medikamente sicher und kühl gelagert werden können. Ziemlich zugenommen hat auch die Anzahl der Menschen mit Schlafapnoe, die bei Nacht ihre Schlafmaske brauchen, und damit Strom. Normalerweise gibt es auf den Campgrounds keinen Strom, außer man hat ein Aggregat dabei. So versuchen wir also, die Menschen, die Strom für ihre Hilfsmittel brauchen, um uns herum zu platzieren, damit sie Strom haben. Oder wir übernehmen das Laden der Akkus für Hilfsmittel.“ Für viele ist dieser Service so elementar, dass sie ohne ihn überhaupt nicht teilnehmen könnten. Wie beispielsweise für einen Besucher, der für seinen Hirnschrittmacher jeden Tag vier geladene Akkus benötigt. Wäre das nicht gewährleistet, wäre der Festivalbesuch unmöglich.

Sowas ist jedoch schon sehr außergewöhnlich. Viel öfter sind es einfach die vielen kleinen Reparaturen, die am Stand von ThiesMediCenter und Sunrise Medical durchgeführt werden. Hier ein platter Reifen am Rollstuhl, da eine getapte Beinprothese, damit es für die drei Tage hier reicht. Ohne das wäre wahrscheinlich oft Schluß gewesen. Der Service geht aber weit über die eigentlichen Festivaltage hinaus. So bietet Wacken in Zusammenarbeit mit Inklusion muß laut sein den Buddie-Service an. Dabei geht es um die Hilfe, überhaupt anreisen zu können. Wer für die Anreise Begleitung braucht, aber keine hat, bekommt von Inklusion muß laut sein Unterstützung. Aber nicht nur aus der Umgebung, sogar aus Basel wurde ein Besucher bei der Anreise unterstützt. Während dem Festival sind die Buddies helfende Hände, beispielsweise um zu den Rollstuhlplattformen zu kommen. Manchmal ist es eben doch gut, wenn jemand schieben hilft.

Rollstuhlfahrer beim Stage Diving
(c) WOA ICS GmbH

In der Regel denkt man bei Barrierefreiheit an Rollstühle, Rollatoren und Krücken. Manche denken dann auch noch an die Blinden, aber schon an Gehörlose wird sehr oft nicht mehr gedacht. Nun, warum sollten Blinde oder Gehörlose überhaupt auf ein Musikfestival gehen? Das denken sich wahrscheinlich viele. Aber genau das macht die Inklusion aus. Blinde oder stark sehbehinderte sehen die Show natürlich nicht. Gehörlose sehen die Show, hören aber von der Musik nichts. Aber alle wollen dabei sein, und können dabei sein wenn man Inklusion ernst nimmt. Blinde erfahren trotzdem die Atmosphäre, Gehörlose spüren die Bässe. So ist das Programmheft für Blinde auch in Braille verfügbar. „Allerdings“, sagt Drees Ringert, „wird es wahrscheinlich künftig stattdessen einen Audio-Guide für blinde Besucher geben, da das Programmheft in Braille zu aufwendig ist und vorlesbare Informationen auch viel flexibler und einfacher nutzbar sind. Zudem können ganz viele Blinde gar keine Brailleschrift lesen.“

Für Gehörlose gab es dieses Jahr zum zweiten mal einige Auftritte begleitet durch eine Gebärdensprachdolmetscherin. Lena M. Schwengber hat zusammen mit Jana Blume und Yvonne Riesop als Die mit den Händen tanzen bei insgesamt 14 großen und kleinen Auftritten für Barrierefreiheit in Form von Gebärdensprache gesorgt. Unter anderem auch auf den drei Hauptbühnen, etwa bei Body Count feat. Ice-T, Anthrax, Life Of Agony oder Santiano. Besonders passend fand ich die Gebärdensprache auf der kleinen Welcome to the jungle Bühne beim Wacken Slam Battle.

Gebärdensprachdolmetscherin Laura M Schwengber auf der Bühne bei Black Stone Cherry. Davor am unteren Bildrand die Menschen die zuschauen
Laura M. Schwengber auf der Bühne bei Black Stone Cherry

Dass Wacken in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion wirklich herausragend ist, liegt sicher an der langen Erfahrung, vielen kompetenten Partnern, stetiger Verbesserung, aber auch an einer bisher nur selten anzutreffenden Selbstverständlichkeit. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Metal-Szene eine weitgehend unterschätzte Szene ist. Wer die Metal Szene nicht kennt, weiß in der Regel auch nichts vom grundsätzlich hilfsbereiten Spirit untereinander. Man kennt sich vielleicht nicht, aber man hilft sich, wenns notwendig ist. Deshalb wundert es mich persönlich nicht, dass schon seitens des Managements und der Planung Barrierefreiheit und Inklusion ganz selbstverständlich dazugehört, ohne dass es erst gefordert werden müsste. Es soll eben jeder teilnehmen können, egal mit welchem Handicap.

Ich habe selten eine Veranstaltung dieser Größenordnung gesehen, bei der es vergleichsweise unproblematisch zugeht. Hier und da gibt es natürlich Dinge die man noch besser machen kann. Hier und da noch mehr oder sinnvoller verteilte Rollstuhltoiletten. Hier und da noch sinnvollere Wegweiser. Hier und da noch mehr Augenmerk darauf, dass die Rollstuhlplattformen vor den Bühnen nicht zu voll werden, damit man auch während eines Auftritts noch wieder herunter kommt, wenns denn sein muß. Hier und da noch mehr Schatten oder Sitzmöglichkeiten. Alles in allem hat mir Wacken aber bewiesen, dass eine Großveranstaltung, auch ohne feste Infrastruktur, ziemlich barrierefrei und inklusiv sein kann. Man muß es wollen und früh genug berücksichtigen. Nicht umgesetze Barrierefreiheit aufgrund überalterter oder schlecht durchdachter Konzepte und Planungen sind Ausreden – Wacken beweist, dass es geht.

Junge Frau in einem besonderen dreirädrigen Elektrorollstuhl, ziemlich massiv mit kleinen Traktorreifen
Einer der besonderen Elektrorollstühle von TheisMediCenter und Sunrise Medial

Links und Infos:

ThiesMediCenter / Sunrise Medical
Stiftung Mensch / Soziale Allianz
Inklusion muß laut sein
Laura M. Schwengber / Die mit den Händen tanzen
LautStark gegen Krebs

3 Kommentare

  1. Man sollte hier erwähnen, dass heuer 2019 ein professinoneller Pflegedienst vor Ort namens CorCura, der sowohl pflegerische Aufgaben wie zb Hilfe beim duschen übernommen hat als auch den Transfer der Rollifahrer ins Infield und die strukturierte Organisation der rollibühnen. „Inklusion muss laut sein“ hatte hiermit nichts zu tun. Die positive Resonanz der betroffenen Festival Besucher sollte hier dringend zu Kenntniss gebracht werden.

    1. Vielen Dank für die Anmerkung. Ich habe sehr viele Gespräche geführt, mit Besuchern und mit ganz vielen Leuten von „drumherum“, die Resonanz war wirklich großartig. Ich habe ein paar Punkte mitgenommen, die man noch verbessern kann, aber alles in allem waren alle sehr zufrieden.

  2. Ein sehr schöner Beitrag
    Muss sagen das ich es auch mega finde was Wacken an Inklusion bietet und sogar für Menschen die es Benötigen den Corcura Pflegedienst bietet der sich um die Pflegerischen Belange der Gehandicapten Metalheads kümmert

    Wie es die Jahre zuvor war kenne ich nur aus Erzählungen von Freunden aber dieses Jahr dürfte ich es das erstemal live erleben

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